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DreamTeam-Geschichten
Ein Leben auf der Überholspur
Eigentlich wollte ich ihre Geschichte schreiben, solange sie noch lebt. Aber die Ereignisse haben uns überrollt. Sarah hat sich so schnell über die Regenbogenbrücke davon gemacht, daß ich wieder einmal zu langsam war. Am 26. Oktober 2008 hat sie mich verlassen. Sie war der Mittelpunkt meines Lebens.
Als sie am 5.4.1997 in mein Leben fegte, war sie irgendwo zwischen 1 1/2 und 3 Jahre alt, ehemaliger Kettenhund, völlig durchgeknallt und wild entschlossen, daß das Leben jetzt endlich beginnen sollte. Es gibt ein Foto von ihr aus dieser Zeit, da erinnert sie mich an Mick Jagger in seiner wildesten Zeit: weit aufgerissener Mund, die Augen verdreht. Dieses Foto hängt bei mir in der Küche mit der Überschrift: Sex, Drugs and Rock'n'Roll. So war sie etwa 90 % des Tages. Die restlichen 10 % verschlief sie komatös.
Das einzige was ihr im Weg stand war ich - aber mit so einem Würstchen, dachte sie, würde sie schon fertig werden. Ich hab sie mir ja damals selber zum Geburtstag geschenkt, nicht wissend, daß mit ihr tatsächlich ein neues Leben für mich anfangen sollte. An unserem ersten gemeinsamen Tag stand natürlich ganz oben auf der to-do-Liste ein Spaziergang. Ich fuhr mit meinem Auto raus in die Felder, öffnete die Heckklappe, nahm Sarah an die Leine um sie ihr nach ein paar Schritten wieder abzunehmen, weil diese "dankbaren" Tierheimhunde ja ohnehin froh sind, wenn sie "ihren Menschen" gefunden haben. Pah! Ich werde diesen Anblick nie vergessen. Das einzige was mir einfällt zu dem, was ich da zu sehen bekam, ist die Zeichentrick-Serie "Speedy Gonzales, die schnellste Maus von Mexiko". Ich hatte die schnellste Deutsch Kurzhaar Hündin Polens erwischt. Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie die weg war. Sie war nur noch ein kleiner brauner Punkt am Horizont. Mein kläglicher Ruf "Sarah" ist in den Weiten der niederbayerischen Agrarsteppe ungehört verklungen.
Mit Lichtgeschwindigkeit raste sie auf mich zu - und natürlich an mir vorbei - und rief mir zu: "Genau, was ich nach all der Zeit an der Kette jetzt brauche!" ...und schon war sie wieder weg. Nach etwa 15 Minuten bekam ich sie zu fassen und ließ den Karabiner der Leine an ihrem Halsband einklinken.
Von diesem Moment an habe ich sie nicht mehr frei laufen lassen, bis ich nach einem knappen Jahr wußte, daß wenn ich sie losmache, dann kommt sie auch auf den ersten Ruf wieder zurück. Dieses knappe Jahr war richtig hart - für sie, und für mich. Ich habe natürlich zuerst einmal eine lange Leine gekauft. Sie hat so ziemlich alles, was im Fachhandel erhältlich ist geschrottet. Ich erinnere mich noch an die ungläubigen Blicke der Verkäuferinnen, wenn ich wieder mal mit einer zerfetzten Schleppleine und einem pulverisierten Karabiner daran erschienen bin, um mich zu beschweren. Erst Bergsteigerseile und Feuerwehrkarabiner haben ihr Stand gehalten. Energie ist Masse mal Geschwindigkeit. Die Masse war nicht das Problem. Sarah hat nie mehr als 26 Kilogramm gewogen, aber die Geschwindigkeit, die war ein Problem. Wenn sie 10 Meter hinter mir Gas gegeben hat und durchgestartet ist, bis die 10 Meter dann vor mir zu Ende waren... Mann oh Mann, wie oft habe ich mit der Nase im Dreck gelegen, bei den vergeblichen Versuchen sie zu stoppen mir die Hände verbrannt. Verzweiflung ist ein kleines Wort gegen die Gefühle, die mich damals beschlichen haben.
Irgendwie kam ich auf die Idee, eine Hundeschule mit ihr zu besuchen - ich hoffte inständig auf Hilfe. Ich glaube, es waren drei, die wir verschlissen haben, die uns mehr oder weniger zu verstehen gegeben haben, daß wir besser gehen sollten. Dann hab ich es - mittlerweile war ich drauf gekommen, daß Sarah sowas wie ein Jagdhund ist - auch bei der Jägerschaft probiert. Die müssen sich doch mit solchen Hunden auskennen, hab ich mir gedacht. War schon richtig gedacht, aber die wollten uns auch nicht. "Einen Hund ohne Papiere nehmen wir nicht und Weiber schon gar nicht." Mit "Weiber" hat er mich gemeint - in Bayern tickten nicht nur die Uhren anders. Ein befreundeter Förster hat dann auch noch seine Zeit geopfert, um mir Tipps zu geben, umsonst. Sie war einfach nicht zu bändigen.
Sobald ich mit ihr draußen war, bekam sie einen Blick, der soweit war wie das Universum. Sie wollte einfach nur fliegen. Unsere Spaziergänge haben damals so ausgesehen: Sarah im Haus an die Leine nehmen und hinter ihr her zum Auto rennen. Heckklappe zu, Motor an, Sarah bellt, jault und tobt im Heck. An einer Wiese angekommen, Handschuhe zum Schutz der Hände anziehen, Heckklappe öffnen, schnell nach der Leine greifen und Sarah legt los. 10 Meter nach vorne rasen, in die Leine donnern, einen Kreis mit genau 10 Metern Radius um mich rennen, allen Blumen in diesem Radius mit der Leine die Köpfe abreissen, Kreis wieder zurück rennen, kurz stehen bleiben, hinter Vögeln herbellen, wieder nach vorne rennen bis es in meinen Schultern kracht, wieder Kreis, wieder Köpfe abreissen...
Ein Hundetrainer hat mir mal den Rat gegeben, sie in die Schleppleine rennen zu lassen und kurz bevor die Leine sich spannt "Nein" zu rufen. Er meinte, sie würde lernen, auf "Nein" hin stehen zu bleiben, weil dann ja der unangenehme Ruck käme... Ob meiner "Nein"-Rufe (bzw. Schreie) wollte niemand mehr mit uns spazieren gehen. Mein Geschrei und ihre Raserei im Kreis hat niemand ertragen. Einmal hat mir Gabi erzählt, daß sie mich in ein paar Kilometer Entfernung noch hat "Nein" schreien hören. Der Leinenruck hat mir weit mehr zu schaffen gemacht als ihr. Ihre Nackenmuskulatur hätte den Klitschko-Brüdern vor Neid das Wasser in die Augen getrieben.
Es versteht sich von selbst, daß ich mit ihr so nicht durch eine Wohnsiedlung gehen konnte. Deshalb fuhr ich immer mit dem Auto zu den Spaziergängen. Deshalb ist bei Sarah der Eindruck entstanden, daß jede Autofahrt mit einem Spaziergang endet - so wurde das Toben, Bellen und Jaulen im Auto immer schlimmer. Nie vergesse ich unsere erste längere Autofahrt. Ich wollte mit ihr zum Wandern in die Dolomiten: erst in Innsbruck hat sie aufgehört mit Toben/Bellen/Jaulen - ich war bis dahin fast ein nervliches Wrack.
Eigentlich hatte ich schon aufgegeben und mich damit abgefunden, daß ich sie ein Hundeleben lang mit dieser Schleppleine vor sich selber schützen müßte. Der Zufall hat uns gerettet. Bei einem Tierarztbesuch war sie wirklich übel drauf. Sie tobte im Behandlungsraum dermaßen, daß die Tierärztin mir ziemlich genervt geraten hat, doch mal eine Hundeschule zu besuchen. Ich daraufhin: "Haben wir ja versucht, wir sind überall rausgeflogen." Die Tierärztin: "Warten Sie mal, ich hab da eine Telefonnummer von einem Hundetrainer, der ist wirklich gut, und der gibt nicht so schnell auf." Ich: "Bitte geben sie sie mir, ich zahle jeden Preis für diese Telefonnummer." Schon ein paar Tage später hatte ich einen Termin. Die Dankbarkeit, die ich nach 11 Jahren diesem Hundetrainer gegenüber noch hege, kann ich nicht in Worte fassen. Ihm verdanke ich, den besten Hund, den die Welt je gesehen hat, verstehen und lenken zu lernen. Im November 1997 hatten wir unsere erste Stunde bei ihm. Im Januar drauf kam der Moment, wo ich ihr die Leine abnahm und ihr nur gesagt habe: "Lauf!", weil ich wußte, daß sie auf den ersten Zuruf wieder zu mir kommt. Ich weiß immer noch genau, wo ich gestanden habe und ich werde nie vergessen wie sie gerannt ist - diesen Anblick durfte ich fast 11 Jahre lang genießen. Sie lief wie ein Rennpferd - kraftvoll und ausdauernd und sie bekam nie genug davon. Ich sehe sie immer noch deutlich über Wiesen, durch Wälder oder über die Dünen im Urlaub fliegen. Manchmal hatte ich wirklich Angst, daß sie Tragflächen ausfährt und abhebt. Das ist auch der Grund, warum es von Sarah aus dieser Zeit fast keine Fotos gibt. Sie war einfach zu schnell, keine Verschlußzeit war kurz genug um sie einzufangen. Während der Zeit zuhause, wenn sie sich auf der Couch geräkelt hat, wollte sie nicht fotografiert werden - sie haßte das schwarze Auge des Objektivs. Auch wenn es einige Hundesachverständige gibt, die was anderes sagen: aber dieser Hund brauchte das Rennen zum Leben, wie die Luft zum Atmen.
Es entsteht jetzt aber ein sehr einseitiges Bild von Sarah. So grauenhaft die Spaziergänge im ersten Jahr auch waren, so schön waren die Kuschelrunden mit ihr. Sie war ein witziger, liebevoller, verspielter und schmusiger Hund und sie war - nach unseren Anlaufschwierigkeiten - all die Jahre für mich der absolut perfekte Hund. Sie hat nie - und ich meine wirklich nie - Ärger gemacht. Keine Raufereien mit anderen Hunden, zu allen Menschen war sie immer freundlich, sie ist niemals jagen gegangen. Sie war ein Hund, mit der ich Dinge ausdiskutieren konnte. Sie brachte ihre Argumente vor, ich meine, dann haben wir einen Kompromiß geschlossen, mit dem wir beide zufrieden waren. Was ist schon ein wenig Entenkot im ohnehin kurzen Fell eines Deutsch Kurzhaar, gegen die Freude, ihr beim Wälzen zuzusehen? Wozu soll es gut sein, die Pizza alleine zu essen, wenn Pizza ihr Lieblingsessen ist? Warum soll sie ein achtlos liegengelassenes Butterbrot nicht stehlen, wenn es ja doch keiner mehr ißt? Ihre zunehmende Fertigkeit beim Stehlen hat uns viele Sympathien bei meinen Seminarteilnehmern eingebracht. Die fanden es nämlich ganz toll, daß der Hund der Trainerin Futter aus Rucksäcken klaut. Beim Essen habe ich sie auch noch vom Tisch gefüttert - was haben die sich amüsiert. An dieser Stelle nochmal vielen Dank an alle, die sich bei diesen Gelegenheiten ziemliche Fleischportionen vom Mund abgespart haben, um sie dann Sarah zu überlassen. Ich habe mit Sarah einen Konsens gefunden. Ich konnte ihr wirklich so ziemlich alles erlauben und trotzdem hat sie in den entscheidenden Momenten immer richtig reagiert. Sie hat 11 Jahre bei mir im Bett geschlafen, sie ist 11 Jahre vor mir aus der Tür gegangen, beim Spaziergang rannte sie natürlich immer vorne weg, sie hat immer vor mir ihr Abendessen bekommen, sie hat immer meine volle Aufmerksamkeit genossen - und trotzdem hat sie auf mich gehört - was für ein außergewöhnlicher Hund.
Nachdem wir also die ersten Klippen im Laufe unseres ersten gemeinsamen Jahres umschifft hatten, haben wir uns dem Thema "Hundeschule" wieder zugewandt, ich wollte mit ihr mehr unternehmen, als "nur" über Felder und Wiesen zu fliegen. Ich hörte von dem Hundesport "Agility". Mir hat es eigentlich viel Spaß gemacht, Sarah meinte, das Tempo passe nicht zu ihr - zu langsam. Außerdem stünden so viele unnütze Hindernisse herum. Ich hatte aber in der Hundeschule viel Spaß und deshalb habe ich dort angefangen mitzuarbeiten, bzw. erst mal zu lernen. Zum Thema "Hundeerziehung" hatte ich ja - dank Sarah - schon einiges kapiert, und nach einem halben Jahr Einarbeitungszeit habe ich tatsächlich dort angefangen zu arbeiten. Damals war ich noch der Meinung, Begleithundeprüfung sei notwendig, also haben wir uns auch da durchgekämpft. Bei der Prüfung habe ich allerdings Punktabzug in Kauf genommen, weil es Oktober war, schon etwas Reif lag und Sarah nicht im Traum daran gedacht hat, bei der Platz-Übung sich mit ihrem feinen Bäuchlein da auch hineinzulegen - ohne Unterlage. Also Decke her, Punkte weg - was soll's. Mein Gott, was war das für eine schöne Zeit. Sie hat alles mitgemacht: Dummytraining, Flächensuche, Fährte, Mantrail - sie war und ist für mich die Größte.
An unserem zweiten Jahrestag habe ich ihr einen Ausflug geschenkt. Ich borgte mir ein Wohnmobil und bin mit ihr zum Königssee gefahren. Wir haben da auf einem Campingplatz übernachtet und sind am nächsten Tag mit dem Schiff über den Königsee getuckert. Ich kann mich noch erinnern, daß sie für allgemeine Belustigung gesorgt hat, als sie zitternd auf meinem Schoß saß, weil außerhalb des Fensters die Enten auf dem See fast zum Greifen nahe waren, Zähneklappernd hat sie gesessen und ernsthaft darüber nachgedacht durchs Fenster zu springen und hinter den Enten herzuschwimmen. Auf der Insel St. Bartholomä hat sie das dann auch getan - es war ihr völlig egal, daß der See der kälteste Deutschlands ist, und die Leute konnten kaum glauben, daß sie da wirklich reinspringt und "mit den Enten eine Runde schwimmt". Einige Jahre später sind wir auf dem Weg nach Terschelling, eine Westfriesische Insel, mit einer Fähre übergesetzt. Die Hunde durften mit an Deck. Was für ein Segen, daß ich sie an der Leine hatte: Möwen umkreisten dieses riesige Schiff und ich denke, sie wäre mit einem beherzten Sprung über Bord gegangen, um mit ihnen eine Runde zu fliegen.
Ein anders Mal waren wir im Urlaub auf einer Berghütte. Zu dieser Hütte gehörten zwei Forellen-Teiche - eiskalt, glasklar. Dort hat sie versucht Forellen zu fangen. Sage und schreibe 8 Stunden lang hat sie sich damit vergnügt, um den kleinen Teich zu rennen, immer wieder nach den Fischen zu angeln, zwischendurch mal kurz ein paar Löcher zu buddeln, dann wieder um den See rennen, wieder angeln - 8 Stunden ohne Pause - sie war einfach einmalig. Als sie sich abends unter meiner Beckdecke eingerollt und aufgewärmt hat, habe ich sie murmeln hören: "Was für ein Tag..."
Meine Freude daran, als Hundetrainer zu arbeiten war ungebrochen und so landete ich irgend wann bei Canis, dem Zentrum für Kynologie, gegründet von Erik Zimen. Ich besuchte dort mehrere Fortbildungsseminare, wo Sarah mich natürlich immer begleitet hat. Ein Seminar hat Zimen sogar persönlich gehalten. Das Problem war, daß das Seminarhaus gerade neu gebaut worden war und noch keine funktionierende Heizung installiert war. Ein Holzofen tat sein möglichstes, damit wir es dort im November ausgehalten haben. Für Sarah war das aber natürlich nicht warm genug. Also habe ich ihr - sie lag auf einem kuscheligen Lammfell - noch meine Winterjacke übergeworfen, damit sie nicht friert. Zimen - was Hunde anbelangt, ein echter Hardliner - ließ seinen Blick über sein fasziniertes Publikum schweifen und dieser Blick blieb natürlich an Sarah und der Jacke hängen. Zimen: "Was soll das denn?" Ich, kleinlaut: "Sie friert!" Er: "Das ist ein Hund, der hat nicht zu frieren." Ich: "Sie friert trotzdem." Er war wirklich knapp davor mich mit meinem verweichlichten Deutsch Kurzhaar rauszuwerfen. Mit Sarahs Unterstützung habe ich, kleines Hundtrainer-Würstchen, sogar Erik Zimen die Stirn geboten.... Leider durfte Zimen nicht mehr miterleben, als wir eine mehrtägige Wanderung mit Canis durch den tschechischen Böhmerwald gemacht haben und so gut wie jeder Hund bei einer Hatz einmal im Wald verschwunden ist - außer Sarah. Im Gegenteil: durch ihr bilderbuchmäßiges Vorstehen, hat sie mehr als einmal die anderen Teilnehmer auf Wild aufmerksam gemacht, so daß sie Zeit hatten, ihre Hunde einzusammeln. Aber auch wenn alle anderen weggerannt sind - Sarah kam immer zurück, wenn ich sie rief. Oft sind alle anderen Hunde an ihr vorbei hinter dem Wild hergerannt und sie kam unbeirrt zu mir zurück. Ich kann es mir nicht anders erklären, als daß sie den Deal verstanden hat: Wenn Du kommst, wenn ich rufe, darfst Du immer ohne Leine laufen. Es hat funktioniert. Immer.
Was war sie für ein freundlicher und friedlicher Hund. In meiner Eigenschaft als Hundetrainerin wurde ich ein paar mal gebeten, Schulungsstunden für Kinder zu halten, in denen ich ihnen den Umgang mit Hunden erklären sollte. Die erste Frage der Lehrer bzw. Kindergärtnerinnen war immer: "Ja, haben Sie denn auch den passenden Hund dazu? Die Kinder möchten natürlich einen richtigen Hund erleben." Und wie passend Sarah für diesen Job war. Ich hätte beide Arme und Beine darauf verwettet, daß sie nie einem Kind auch nur ein Haar gekrümmt hätte. Im Gegenteil. Sie liebte es, inmitten von 20 oder 30 Kindern zu stehen, mit ihrer kurzen Stummelrute wild wedelnd auch die ungeübtesten Streicheleinheiten zu genießen. Sie spielte den Clown für die Kinder oder führte ihnen vor, wie gut eine Hundenase funktioniert: ich hatte mir ein paar nette Spiele ausgedacht, um die Kinder mit Sarah zu unterhalten. Sie durften für Sarah ein Futterdummy auf dem Pausenhof verstecken und sie dann suchen lassen Zum krönenden Abschluß durfte sich ein Kind verstecken, Sarah hat es dann gesucht und natürlich gefunden. Am meisten gelacht haben die Kinder allerdings, als Sarah - ganz Suchhund - auch noch die Schultaschen der Kinder nach den Pausenbroten durchsucht hat.
So ganz ungetrübt war ihr Verhältnis zu Kindern aber doch nicht - ich gebe es zu: Wenn ich mit ihr in der Stadt unterwegs war und eine Mutter mit einem Kleinkind im Kinderwagen an uns zu nah vorbeifuhr, mußte ich immer höllisch aufpassen. Sarah hatte nämlich gecheckt, daß diese kleinen Wesen meistens Brezen, Eis oder zumindest Kuscheltiere dabei hatten. Und schwups, klaute sie dem Kind im Vorbeigehen diese mitgeführten, von Sarah heiß begehrten Waren. Erst durch die entrüsteten Rufe der Mütter wurde ich aufmerksam und gab unter tausend Entschuldigungen das Diebesgut zurück. Sie sah das ganze eher als Sport, und den Schalk in ihrem Gesicht, wenn sie es wieder mal geschafft hatte, mich zu überlisten, werde ich nie vergessen. Ihre Liebe zu Kuscheltieren war wirklich enorm. Als ich einmal an der Kasse eines kleinen Kaufhauses die Leine aus der Hand gelegt habe, um zu bezahlen, stieg sie einfach ins Schaufenster, weil dort Plüschbären ausgestellt waren und vergnügte sich in der Zwischenzeit mit ihnen. Warten war einfach nicht ihr Ding. Wertvolle Lebenszeit vergeuden? Nicht mit Sarah!
München war eine ihrer großen Leidenschaften. Ganz speziell liebte sie das Tollwood-Festival auf dem Olympia-Gelände. Sie fand das Angebot der Verkaufsstände einfach umwerfend. Insbesondere die Stände, an denen Traumfänger (Federn) und Trommeln (Fell) verkauft wurden. Jeden dieser Stände inspizierte sie auf's genaueste. Nicht jeder Standler hatte dafür Verständnis - ich schon. Federn und Fell? Für wen sonst als für einen Jagdhund sollte das hier verkauft werden? Sarah liebte die Ausflüge nach München. Sie liebte es mit der Straßenbahn zu fahren - auf meinem Schoß natürlich, damit sie von der schönen Stadt auch was sieht. Sie fand die U-Bahn höllisch aufregend - beim Einfahren des Zuges mußte ich gut aufpassen, weil sie immer versuchte, mit dem Zug um die Wette zu laufen. Eine Shoppingtour mit ihr durch die Innenstadt war eine echte Slapstick-Nummer. Sie liebte Menschen und davon gab's ja nun in München genug. Jeden hat sie freundlich angelächelt und sie hat auf dem Marienplatz den Leuten gezeigt was ein richtiger Vorstehhund ist: Tauben vorstehen war angesagt. Das sah so aus, daß ich mit ihr versuchte diesen von vielen Tauben bevölkerten Platz zu überqueren, sie ging auch brav mit, bis die ersten Taube in ihr Gesichtsfeld flog und auf dem Boden nach Brotkrümeln pickte. Sofort erstarrte sie - Vorderbein angewinkelt, Nase nach vorne. So stand sie, zitternd vor Aufregung, bis die Taube hochflog. Ein kurzer Sprung von Sarah hinterher, Taube war weg, die nächste Taube landete, vorstehen, springen, Taube weg, nächste landet usw. Es hat oft lange gedauert, bis ich dorthin kam, wo ich eigentlich hinwollte. Aber die Passanten und ich hatten an dem Schauspiel soviel Freude, daß wir uns die Zeit einfach genommen haben. So ein Besuch in München führte mich immer auch zum Body Shop - ein toller Laden für tierversuchsfreie Kosmetik. Seifen, Badekugeln und lauter gut duftende Essenzen gibt's da. Ich also rein und seh mich um, was frau so alles brauchen könnte. Ich habe nicht bemerkt, daß auch Sarah so ihre Bedürfnisse hatte. Ich bemerkte auf einmal nur, daß sie wild mit ihrer Rute wedelte, den Kopf immer wieder von mir wegdrehte, so wie sie es immer tat, wenn sie vor mir etwas verstecken wollte. Natürlich war ich sofort alarmiert und diskutierte mit ihr, ob sie mir denn nicht zeigen wollte, was sie sich ausgesucht hatte. Nach einigem Hin und Her spuckte sie mir eine kleine Badekugel in die Hand - ich habe an diesem Tag nur diese Kugel gekauft - sie steht jetzt hinter mir in einem Schrank in einer kleinen Plastiktüte mit Datum drauf. Einmal war ich mit ihr auf einem Flohmarkt und da habe ich sie einfach shoppen lassen - lauter Plüschtiere hat sie gekauft und ich bin hinter ihr her und habe bezahlt. So viele schöne Erinnerungen, so viel Spaß...
Das Schicksal hat uns aber dann doch einen Dämpfer verpaßt. Es war der 7. Mai 2001. Wir gingen, wie jeden Morgen, eine Runde spazieren. Es war Frühsommer, die Schwalben sausten im Tiefflug über ihren Kopf und sie hat sich natürlich wieder einmal mit ihnen ein Wettrennen geliefert. Leider konnte sie ihren Blick nicht von ihnen wenden und so hat sie den Feldrain übersehen, in den sie dann mit vollem Tempo getappt ist. Ich werde diesen Schmerzschrei nie vergessen. Sie war ja hart im Nehmen, daß sie aber derart aufgeschrien hat, machte mir sofort klar, daß ihr etwas ernsthaftes passiert war. Sie saß da und hielt ihre linke Pfote weit von sich. Ich dachte sofort an einen Knochenbruch - aber es war weit schlimmer. Sie hatte sich am Handgelenk sämtliche Bänder abgerissen - halbe Sachen gehörten einfach nicht zu ihrem Repertoire. Eineinhalb Jahre hat uns dieses Bein auf Trab gehalten. Zuerst wurde sie operiert mit Platten, Schrauben und allem Pipapo. Dann Gips, dann Verbände und bis August mußte sie an der Leine gehen - was für eine Schande. Etwa ein Jahr nach der ersten OP dann die zweite, das ganze Metall mußte wieder raus, weil es sich - wen wundert's - mit ihrer Art sich fortzubewegen natürlich gelockert hatte. Das Bein kam nie wieder ganz in Ordnung, es war immer ihre Schwachstelle und ich mußte sie immer mal wieder ein bißchen bremsen. Die Frage, die sich uns stellte war: Schonen und Bein tut nicht weh, oder toben und Bein tut manchmal weh - ich habe ihr diese Entscheidung überlassen und sie hat sich für "toben und manchmal weh" entschieden - klar, oder? Sie lebte immer nach dem Motto "Qualität statt Quantität". Als Folge dieser Verletzung wurde eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen, das Apportieren, zum Problem, denn natürlich hat beim Apportieren eines Dummys das Bein weh getan. Sie konnte nämlich nicht apportieren wie jeder normale Hund. "Apportieren" hat bei Sarah so ausgesehen: ich werfe ein Dummy, Sarah startet los, Dummy fällt auf den Boden, Sarah rennt hin - wie immer zu schnell - und rechnet nicht mit der Trägheit der Masse - ihrer Masse -, was zur Folge hatte, daß sie sich beim Bremsmanöver vor dem Dummy immer mindestens einmal überschlagen hat, bevor sie sich das Dummy schnappte um es mir zu bringen. Ich hab dann versucht, sie erst sitzen und warten zu lassen, bevor ich sie losschickte um das Dummy zu holen, hat aber auch nix geholfen - erst überschlagen, dann apportieren.
Ihr gnadenloses Tempo hat ihr auch ihren Kriegernamen eingebracht: Sarah Hayabuza. Eines Abends saßen wir vor dem Fernseher und es wurde ein Bericht gezeigt, über das schnellste bis dahin je gebaute Straßen-Motorrad - ich glaube von Suzuki: die Hayabuza. Höchstgeschwindigkeit 300 km/h - nix für Ottonormalverbraucher. Ich hab Gabi angeschaut, sie mich und wir mußten einfach lachen, weil uns beiden sofort Sarah in den Sinn gekommen war.
Hin und wieder hab ich mit dem Schicksal gehadert, warum gerade ihr die Sache mit dem Bein passieren mußte. Ich glaube aber, daß es sie doch ein wenig gebremst hat und daß ihr vielleicht noch schlimmeres hätte passieren können. Egal. Sie mußte und sie hat damit gelebt, ihrer Lebensfreude hat es keinen Abbruch getan. Als Folge dieser Verletzung hat sie mir eines Tages einfach die Mitarbeit bei meinen Seminaren gekündigt. Sie fand, es sei an der Zeit, früher als geplant in Rente zu gehen, schließlich hatte sie ja ein Recht dazu, weil das Bein ja schmerzte beim Apportieren. Dazu hat sie sich den effektvollsten Moment ausgesucht - dafür hatte sie wirklich eine Nase. Im Oktober 2004 hatte ich den Sprung ins Hundesport Hotel Wolf geschafft. Ich durfte dort als Trainer Dummy- und Nasenarbeit anbieten. Ich bin also mit ihr am Sonntag abend dorthin gefahren, wir sollten eine ganze Woche dort die Urlauber und ihre Hunde mit Dummytraining und Nasenspielen unterhalten. Der Tenor dieses Seminars war natürlich: bietet Euren Hunden Spaß! Bietet ihnen Dummytraining! Ich wurde nicht müde, bei der Vorstellungsrunde den Leuten zu erzählen, wie gerne Hunde apportieren. Am Montag morgen, als der Unterricht begann, wollte ich gleich mit Sarah zeigen, was ich am Abend zuvor in der Theorie behauptet habe: Hunde haben Spaß beim Apportieren. Just in diesem Moment hat Sarah um Frührente eingegeben. Ich werfe ein Dummy, sie guckt mich an und fragt: "Soll ich das wirklich holen, ich hab eigentlich gar keine Lust dazu. Du weißt doch - mein Bein..." Ich muß ziemlich verdutzt geguckt haben, die Kursteilnehmer haben sich fast totgelacht - ich nicht. Mein erstes Seminar im Hotel Wolf und mein Hund der mich als Trainerin so richtig vorführt. Na, wir haben die Woche trotzdem gut rumgebracht - die Leute haben dann doch gemerkt, daß ihre Hunde sehr wohl Spaß am Apportieren haben - nur Sarah konnte ich nicht mehr dazu bewegen, in einem Kurs zu apportieren. Privat hat sie es immer noch gerne getan - auch mit Überschlag - aber nicht mehr öffentlich. Sie hatte wirklich ihre Prinzipien. Da hat es sich gut ergeben, daß ich mich etwa ein halbes Jahr vorher in einen Border Collie verschaut hatte: Lucas kam zu uns und hat ab sofort alle Arbeiten übernommen, die Sarah nicht mehr machen wollte. Sie widmete sich nur noch den schönen Dingen des Lebens: während eines Seminars den Clown spielen, den Seminarteilnehmern die Leckerchen aus den Rucksäcken stehlen, Clickerspiele einfordern, Kunststücke zeigen und dann wieder dösend Lucas beim Arbeiten zuschauen. Ich denke, sie hat den richtigen Zeitpunkt gewählt, um sich aus dem Berufsleben zurückzuziehen.
Apropos vorführen: Ich habe ja meine Dogdance-Karriere eigentlich mit Sarah begonnen. In der Hundeschule, in der ich damals gearbeitet habe, gründeten wir eine Dogdance-Gruppe und wir zeigten auch einige Gruppenchoreografien. Wir übten und hatten viel Spaß dabei. Aber so ernst mit Auftritten und so, das wollte Sarah dann doch nicht. Sie fand auch hier den richtigen Zeitpunkt um mir das mitzuteilen. Wir wurden von einem Kindergarten eingeladen, um anläßlich des Geburtstags einer Kindergärtnerin einen Auftritt zu zeigen. Ein Trick in dieser Choreo war, daß ich mich auf den Boden knie und Sarah sollte über meinen Arm springen. Das fand sie bei den Proben immer ganz lustig und sie ist dabei auch immer recht albern geworden. Bei diesem Auftritt hat sie es nicht dabei belassen, albern zu werden, sie hat genau in dem Moment in dem sie über meinen Arm gesprungen ist, mir mit ihrer Schnauze einen Nasenstüber mitten ins rechte Augen verpaßt, der so heftig war, daß ich wie ein Sack Mehl einfach umgefallen bin. Als ich mich wieder aufgerappelt hatte und wir ein paar Takte weiter mit unseren Hunden getanzt hatten, bemerkte ich, daß ich ohne Hund dastand. Sarah hat sich einfach auf die Socken gemacht und geguckt, wer denn da von den anderen Tänzerinnen die leckere, gebratene Leber als Leckerchen dabei hatte. Sie ist einfach ausgestiegen. Ich hab ihr deshalb auch sehr bald diese Tanzerei erspart - nach einer anderen Pfeife als nach ihrer zu tanzen, wollte sie nicht. Auch diesen Arbeitsbereich hat Lucas dann übernommen.
Ich weiß nicht, ob diese kurzen Ausschnitte nur im Ansatz vermitteln können, was Sarah für ein Hund war. Der einzige Trost, der mir in diesen schweren Tagen bleibt ist, daß ich glaube, ihr das gegeben zu haben, was sie am meisten brauchte: Freiheit. Im Gegenzug hat sie mir gegeben, was ich am meisten brauchte: sie hat mein Leben umgekrempelt und mich auf einen guten Weg gebracht. Sie war nicht das Geschenk nur eines Gottes, es müssen mehrere Götter zusammengeholfen haben, und ich bin die Glückliche, die dieses Geschenk erhalten hat.